Verfasst von: larsunterwegs | 7. Juli 2011

Abschied und Zwischengedanken

Buenas,

Ich bei einem Reitausflug

nun geht ein großes Jahr seinem Ende zu und ich möchte nun ein weiteres Mal meine Eindrücke hier in Panama festhalten. In dem Eintrag schreibe ich über meinen Alltag, Ungleichheit, Hahnenkampf und Naturschutz.

Ich arbeitete nun ein knappes Jahr in einer Grundschule in den Bergen Panamas und nun hatte ich letztes Wochenende mein Abschiedscamp und am Dienstag meine Abschiedsfeier in der Schule. Während der Feier habe ich kleine Geschenke bekommen und an jeden Jahrgang eine kleine Büchersammlung hinterlassen. Nun verbringe ich die letzten Tage viel Zeit mit meiner Gastfamilie und bin sehr froh, bei ihnen zu wohnen. Die letzten Wochenenden habe ich kleine Ausflüge mit ihnen gemacht. Einen Tag konnte ich auf einem Pferd reiten, ein anderes Mal bin ich in den Nebelwald gegangen, ich war auf Geburtstagen oder Basketball spielen. Mir gefällt es hier und die verbleibenden Tage werde ich so noch voll ausnutzen.

Meine 2. Klasse

Ich habe hier in Panama viel Ungleichheit kennen gelernt. Besondersauffallend ist es zwischen meiner Gastfamilie und meinem weltwärts-Projekts gewesen. In meiner Gastfamilie lebte ich mit den Grundbesitzern zusammen, denen es an nichts fehlte; im Gegensatz mein Projekt: in der staatlichen kleinen Grundschule unterrichtete ich die Kinder derLandarbeiter und, es fehlte an vielen Dingen. Außerdem habe ichviele wohlhabende Menschen kennen gelernt, aber auch mit den indigenen Arbeitern auf dem Feld gearbeitet und angefangen ihre Sprache zu lernen. Diesen Unterschied empfand ich lange Zeit als eines der größten Makel in Panama. Dann erinnerte ich mich an den Philosophieunterricht und John Rawls. Ich hatte folgendes aus dem Unterricht behalten: Unterschiede in der Gesellschaft können bis zu dem Punkt gerecht sein, als dass alle Beteiligten davon profitieren und es ihnen besser geht, als bei vollkommener Gleichheit. Ich kann nicht beurteilen, ob dieser Punkt hier überschritten ist, habe aber an vielen Beispielen gemerkt, dass ein gewisser Grad Ungleichheit für alle Vorteile bringt: Tourismus bringt viele reiche Menschen in das Land, und die Menschen profitieren durch die Einnahmen (natürlich gibt es auch viele negative Aspekte beim Tourismus). Die Landbesitzer haben mehr Geld, sichern den Arbeitern aber ein geregeltes Einkommen, mit dem man die Familie ernähren kann. Gäbe es sie nicht ist ungewiss, ob die Landarbeiter aus eigener Kraft ein konkurrenzfähiges Unternehmen führen könnten und so ihre Arbeit effizient einsetzen könnten. Ich habe in der Hauptstadt (Panama ist gedanklich in Hauptstadt/Zentrum und Land/Peripherie aufgeteilt) von viel Korruption und Vetternwirtschaft gehört, sodass viel Geld unter den Hauptstädlern bleibt. Die Landbevölkerung profitiert aber von ihnen als Absatzmarkt, Sicherheitsgarant, durch finanzielle Unterstützung und Außenvertreter des Landes. Ich möchte damit sagen, dass trotz der vielen Gesetzesüberschreitungen und Ungleichheiten einige Dinge gibt, die für alle nützlich sind. Ich bin der Überzeugung, dass mit einem guten gesetzlichen Rahmen und starker Institutionen die Gesellschaft auf ein noch besseres Niveau gebracht werden kann, an dem mehr Menschen an den Reichtümern beteiligt werden können, denn Geld gibt es hier in Panama.

Ein Hahnenkampf in Panama

Ich habe meinen Gastvater einige Male zum Hahnenkampf begleitet. Ich hatte schon im Vorfeld davon gehört, konnte mir darunter aber nichts wirklich vorstellen. Ich habe gute Dinge gesehen, aber viele schlechte Seiten kennen gelernt. Hier die Zusammenfassung: Was ich am Hahnenkampf interessant finde ist Folgendes. Zu einem solchen Event kommen Panameños aus allen Bevölkerungsschichten zusammen. Dort sitzt der Multimillionär aus der Hauptstadt neben dem Schuster aus dem Dorf. Außerdem hängen viele Familie direkt an dem Erwerb durch diese Events und die Vorbereitung. Und nun, was mir nicht gefällt: Wenn ein Kind hier einen Käfer tot tritt, sage ich dem Kind, dass man dies nicht tut. Aber warum? Weil der Käfer unersetzlich für die Art ist? Nein. Weil der Käfer leidet? Eher unwahrscheinlich. Mir geht es dabei nicht zuerst um den Käfer, sondern um das Kind! Ich möchte nicht, dass das Kind die Natur verachtet, mit Füßen tritt und sich daran erfreut. So denke ich, dass es auch auf den Hahnenkampf zu trifft. Die Hähne haben kein schönes Leben und einen grausamen Tod, aber mir geht es hauptsächlich um die Zuschauer, die regelrecht in einen Blutrausch verfallen, die sterbenden Hähne anschreien und hinterher Geld austauschen. Wenn du also mal eine Einladung zum Hahnenkampf bekommst: Wenn es dir um die Menschen geht: geh ruhig einmal hin. Wenn es dir darum geht, einen Kampf zu sehen: bleib zu Hause.

Info Hahnenkampf: Bei diesem Event gibt es zwei Hähne in einer Arena, die gegeneinander kämpfen. Die Besitzer der beiden Hähne einigen sich im Vorfeld auf eine gewisse Summe, um die gespielt wird (von 100 bis 3500 Dollar habe ich alles gesehen). Außerdem können alle Zuschauer Wetten untereinander abschließen. Der Hahn, der den anderen tötet oder kampfunfähig macht gewinnt. Wenn nach 15 Minuten kein Sieger feststeht wird der Kampf als unentschieden erklärt. Die Hähne werden entweder von den Besitzern im Garten großgezogen oder man gibt sie auf speziellen Farmen in Auftrag.

Ich habe hier viel atemberaubende Natur gesehen: in meinem Dorf, in unterschiedlichen Teilen Panamas, Costa Ricas und Nicaraguas. Ich fand es sehr interessant und schön die Natur in ihren vielfältigsten Erscheinungen zu beschauen. Ich habe Krokodile, Papageien, Affen, Faultiere, Blumen, Bäume, Wasserfälle, Flüsse, Schluchten, Krater, Strände und vieles mehr gesehen und mich immer wieder gedacht: wie schön, dass es so etwas gibt. Ich habe mir zwei Fragen gestellt: warum sollte man eigentlich die Natur schützen? Und wie kann man die Natur schützen?

Reiher in Nicaragua

Reiher in Nicaragua

Ich möchte mich für den Naturschutz einsetzen, weil ein Wandel die Lebensgrundlage vieler Menschen gefährdet (Überschwemmung, Desertifikation) und vieler Tier- und Pflanzenarten. Ich habe hier mannigfaltige Erscheinungsformen der Natur gesehen und war erstaunt über diese unermessliche Vielfalt. Ich möchte die Natur nicht als den Gegensatz von Kultur verstehen, sondern als Bereicherung des menschlich Geschaffenen. Ich sehe die Natur als Lebensraum der uns umgibt und an dem wir uns erfreuen können. Jede ausgestorbene Art macht die Welt für mich ein wenig dunkler.
Zum Thema, was getan werden kann. Zum einen liegt es an jedem persönlich, auf die Folgen seiner Handlungen zu achten. Man kann Energie sparen, Müll trennen, auf den Einkaufswagen achten und vieles mehr. Ich denke weiterhin, dass es nützlich ist, wenn Verschmutzung kostet. So sehe ich im Tourismus den guten Aspekt, dass Bewohner einer Gegend beginnen, einer intakten Umwelt einen Wert zuzuschreiben. So wird ein Wald wertvoller, als gerodet und als Acker verwendet. Weiterhin sehe ich in dem

Sonnenuntergang in Nicaragua

Sonnenuntergang in Nicaragua

Emissionshandel den guten Aspekt, dass Verschmutzung kostet (und nicht nur für die kommenden Generationen), denn so findet der Schaden einen Weg in den Preis. Denn so kann eine Marktwirtschaft mit ihren eigenen Kräften weiter arbeiten und auch dem Klimaschutz helfen. Aber auch die gemeinschaftlichen Ansätze werden von uns getragen, oder eben nicht.

Mit meiner Gastfamilie in Bocas del Toro

Für die kommenden Tage habe ich hier noch einige Aktivitäten geplant, die dann den Abschluss meines Jahres darstellen werden. Morgen habe ich das Abschlusstreffen mit meinem AFS-Komitee. Außerdem habe ich mir vorgenommen, einen Quetzal zu sehen (diese schönen Tiere soll es hier geben, sie haben sich aber ein Jahr lang gut vor mir versteckt). Weiterhin möchte ich noch einige Tage mit meiner Gastfamilie verbringen und die letzten Tage panameñischen Lebens und spanischer Sprache genießen.

Ps.: Ich habe es nun unabsichtlich geschafft – trotz meiner hellen Hautfarbe – als Panameño durch zu gehen. Als ich letztes Wochenende eine Wanderung gemacht habe, unterhielt ich mich mit einem Parkwächter. Am Ende kassierte er die Parkgebühr nicht, weil doch Panameños nicht bezahlen müssen. Danke!

Lars


Antworten

  1. Sehr vielfältige Gedanken teilst Du mit Anderen und das spiegelt das vielfältige Jahr sehr gut wieder.
    Für die kommenden Tage wünschen wir Dir weiterhin eine gute Zeit, von Gott behütet und für die Ankunft in Deutschland ein gesundes Wiedersehen.
    Deine Familie in Herne.
    P.s.: Da hat Dir der Parkwäschter ja ein doppeltes Geschenk gemacht – schön, dass ein Wunsch damit in Erfüllung gehen konnte.
    Viel Erfolg dann jetzt noch beim Auffinden des Quetzals.

  2. Die naturphilosophischen Gedanken sind sehr interessant und begrüßenswert … das mit dem Käfer und den Kindern.
    Die sozialphilosophischen Gedanken überraschen als eher fragwürdig … wenn die ungebildeten Arbeiter nicht in der Lage sind ein ein konkurrenzfähiges Unternehmen äufzubauen, könnte däs äuch daran liegen, däss sie keine Gelegenheit hätten ihre Bildungschäncen äuszunutzen, weil män ihnen diese bewusst und äbsichtlich vorenthalten hät. Denke ich jedenfalls.

  3. Der Schöpfer dieser wunderbaren Natur segne Dir auch noch den Rest Deiner Zeit dort und erhalte Dir diesen Schatz an Erfahrungen Deine Leben lang, so dass Du ihn immer wieder heben und an andere weitergeben kannst!

  4. Danke für die Kommentare und ich habe gesehen, dass ich nochmal etwas zu dem ersten Absatz sagen muss. Ich bin auf keinen Fall dafür, den Status quo bei zu behalten. Ich habe in meinem Projekt gerade für die Bildung der Kinder gearbeitet, um ihnen eine andere Zukunft zu ermöglichen. Mein Punkt in diesem Absatz war ein persönliches Ringen, denn mich machte es sehr traurig, den Unterschied hier tagtäglich zu sehen. Dieser Gedanke hat mir geholfen, nicht nur das Schlechte zu sehen, sondern auch Vorteile. Da habe ich verschiede Beispiele angeführt: den Tourismus, den Unterschied zwischen Hauptstadt und Land und das Arbeitsverhältnis. Ich habe mich bemüht, in diesen Beziehungen auch positive Aspekte zu finden, denn die negativen sind unbestreitbar. Jede Gesetzesüberschreitung ist ein Verbrechen, Tourismus hat viele Schattenseiten und die Landarbeiter vertienen einen kleinen Lohn (8.40 Dollar) am Tag bei harter Arbeit und gesundheitlichem Risiko. Dann schrieb ich: “Ich bin der Überzeugung, dass mit einem guten gesetzlichen Rahmen und starker Institutionen die Gesellschaft auf ein noch besseres Niveau gebracht werden kann, an dem mehr Menschen an den Reichtümern beteiligt werden können, denn Geld gibt es hier in Panama.” Das ist meine Hoffnung, dass es in der Zukunft eben besser wird.
    Das Problem konkret mit den Landarbeitern sehe ich im Folgenden: Die Mehrheit der Arbeiter sind aus einer indigenen Minderheit, die bis vor einigen Jahren abgeschnitten in ihrem eigenen Gebiet gewohnt hat. Die Politik hat einiges bei ihrer Integration falsch gemacht (hier ist es nicht so gewesen, dass man ihnen die Bildung vorenthalten wollte, man wollte sie ihnen diktieren – und sie haben sich gegen eine Assimilation gewehrt), aber das Hauptproblem sehe ich darin, dass im Kapitalismus aus vielen Gemeinschaftsgütern Privatgüter werden. So muss man auf einmal für das Trinkwasser bezahlen, für das Essen, Kleidung und Gesundheit. Wenn man aber kein Geld hat, wird man von diesen Gütern ausgeschlossen. Viele Menschen wurden so dazu gebracht, sich eine Erwebsquelle zu suchen und finden diese oft bei schlecht bezahlter, harter Arbeit.
    So geht es ihnen im Vergleich erstmal besser, obwohl es ihnen nicht besonders gut geht, denn das System wird sich kaum ändern. Ich setze auf die nächste Generation, die eine gute Grundbildung bekommt, dass sie mehr aus ihrem Potenzial machen können und sehe bereits viele Samen gesäht.


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